Teil 1: Der Visionär und sein Geschenk an die Tessiner Bevölkerung.
Wir befinden uns im Jahr 1960 nach Christus. Der ganze Kanton Tessin ist auf Sommertourismus ausgelegt. Der ganze Kanton? Nein! Ein Visionär aus Rivera-Bironico hat die Zeiten erkannt und möchte am Monte Tamaro in den Winter investieren. Richtig gelesen: In den Winter. In die Jahreszeit, die mit Kälte und Schnee verbunden ist – und dies in der Sonnenstube der Schweiz. Da könnten wir glatt sagen: Die spinnen, die Tessiner. Ok, lassen wir das – es geht jetzt nicht um Gallier und Römer. Aber trotzdem: Auch in dieser Geschichte behauptet sich ein kleines Skigebiet im Süden des Landes gegen die nördlich der Alpen gelegene Konkurrenz.
Doch bis die hölzernen Bretter aus Norwegen auf dem weissen Teppich am Monte Tamaro gefahren werden können, müssen noch viele Hinkelsteine aus dem Weg katapultiert werden. So, jetzt ist endgültig Schluss mit diesen Galliern. Wechseln wir lieber zu den deutschen Klassikern. Unser Goethe meint ja (offenbar) so weise, dass wir auch aus (Hinkel-)Steinen, die uns in den Weg gelegt werden, Schönes bauen können. Und schön ist es geworden da oben am Monte Tamaro. In der Tat.
Ein Jahrzehnt im Voraus. Da steht er in der Sommerhitze und hat einfach mal so die Idee, eine Kabinenbahn zu bauen. Rauf zum Monte Tamaro. Oben soll es dann noch ein paar Skilifte und ein Restaurant geben. Kein Ding. Ähm, Skilifte? Ja genau, Skilifte – diese «technischen Aufstiegshilfen» mit Seil und Bügel, die Menschen stundenlang den Hang hochziehen. Weiter soll jede Person im Sottoceneri ohne lange Anreise Skifahren (lernen) können. Was für ein Versprechen und wahrlich eine Ansage. Denn wir befinden uns ja immer noch ziemlich weit im Süden der Schweiz, dort wo Seepromenaden und Palmen und so ähnliche Sachen vorherrschen. Genau dort.
Ein Jahrzehnt später bewirbt das «Ente Ticinese per il Turismo» mit einer Rabattaktion den Winter. Genau: Die Sonnenstube der Schweiz macht Marketing für die kalte Jahreszeit. Aha, da hat wohl jemand ziemlich gut die Zukunft vorausgesagt. Antizipation könnten wir es auch nennen. Damit schliesst sich der Kreis. Und wir sind wieder bei unserem Visionär aus Rivera-Bironico. Einen Titel, den er wahrlich verdient hat. Der Mann aus der Nachbarschaft. Egidio Cattaneo.
Doch kommen wir zurück in die Gegenwart und räumen zunächst einmal die Steine aus dem Weg.
Der «steinreiche und holzarme» Kanton profitiert im Sommer vom modernen Massentourismus.
Wir wollen ja dem Fremdenverkehr im Tessin nichts vorwerfen – und doch kommt jetzt das berühmte «Aber». Aber eine gewisse Selbstverständlichkeit ist da schon auszumachen, wenn es um den Sommergast geht. Ok. Das war jetzt definitiv ein Vorwurf. Zugegeben: Besserwisser braucht wirklich niemand. Aber egal, ein bisschen Wahrheit ist darin schon versteckt: Der Sommer wird im Tessin als Selbstläufer angesehen. Kein Thema. Die Gästescharen kommen – und das ganz von allein. Also, wieso über neue Strategien nachdenken? Reine Zeitverschwendung.
Die Gründe sind bekannt. Darüber freuen wir uns ja auch. Unser Realeinkommen ist nämlich, sprich in der Zwischen- und vor allen in der Nachkriegszeit, erhöht worden. Danke dafür. Und dann ist da noch die Sache mit dem Ferienanspruch für die breite Bevölkerung. Schön für uns Arbeitnehmende. Noch schöner für den modernen Massentourismus. Der feiert nämlich gerade seinen Aufstieg.
Die Ankunft in Lugano allerdings war nicht entzückend. Die Überbevölkerung der Erde hat mir seit langem nicht mehr so übel entgegengeschrien wie hier, wo um die Zeiten der Ostern sich die Fremden zusammenscharen wie die Heuschrecken.
»Alles ist möglich. Auf einmal fahren Eisenbahnen umher oder Schiffe dampfen von einem Ort zum anderen. Nicht zu vergessen sind die Automobile und Flugzeuge. Einfach gesagt: Das Reisen wird im 19. und 20. Jahrhundert immer mehr beschleunigt und verbilligt. Und zwar so sehr, dass wir in den 60er Jahren während des Sommers lieber unsere Ferien im Ausland verbringen wollen. Das «Land der ältesten europäischen Kultur» im Süden der Schweiz wird glatt durch das Meer ersetzt. So schnell geht’s. Damit nicht genug: Ein Ohrwurm haucht dem Schweizer Winter neues Leben ein. «Alles fährt Ski» stimmt Vico Torriani 1963 an und die ganze Schweiz singt – und fährt natürlich auch mit. Aber eben: Zwangsläufig eher nördlich der Alpen. Ein Boom bricht aus.
In der Tat, das ist jetzt eher suboptimal fürs Tessin. Die Selbstverständlichkeit ist weg. Der Gordische Knoten schnürt sich immer enger zusammen. Die Logiernächte sinken. Das konnte nun wirklich niemand voraussehen, oder?
Die Zerschlagung des Gordischen Knotens. Alexander der Grosse würde einfach sein Schwert ziehen und mal kräftig draufhauen. Aber eben: Der ist jetzt auch schon etwas länger tot und so ein Schwert ist sowieso heutzutage nicht mehr in jedem Haushalt vorhanden. Ärgerlich. Somit muss etwas anderes her. Und genau hier kommt Egidios Mut und Weitsicht ins Spiel, in den Winter zu investieren. Eine einfache Gleichung. Da könnten wir beinahe vom Ei des Kolumbus sprechen. Das Gebiet am Monte Tamaro ist damit einerseits ganzjährig nutzbar – und nicht nur auf die vier Monate Sommersaison reduziert – und andererseits sind Berge und Schnee nur ein paar Kilometer von den grossen Städten des Tessins und ein paar Dutzend von den Zentren Norditaliens entfernt.
Ausserdem: Da ist ja noch die Geschichte mit der Autobahn A2, die aktuell voll im Bau ist und Rivera-Bironico einfach erreichbar machen wird. Gut durchdacht, Herr Cattaneo.
Eine Vision allein reicht nicht. So eine Idee zu haben, ist ja schön und gut. Doch damit das Projekt keine Vision bleibt, muss Hand (oder ziemlich viele Hände) angelegt werden. Gesagt, getan. Noch bevor Vico Torriani mit seinem Schlagerhit über die Bühne (oder besser gesagt: den Schnee) fegt, verhandelt Egido mit der Gemeindeverwaltung, legt die drei Haltestellen fest (1961) und reicht das erste Gesuch in Bern ein (1962). Ein Jahr nach «Alles fährt Ski» (1964) ist die erste Bundeskonzession für den Bau der Bahn Rivera-Alpe Foppa Tatsache. Wer weiss, vielleicht genau den richtigen Zeitpunkt dafür antizipiert.
Vergeben wird die Konzession an die City Carburoil SA. Ok. Wie jetzt? Oder anders ausgedrückt: Hä? Ganz einfach: Egidio ist kein Homo novus, wenn es darum geht, erfolgreiche Familienunternehmen zu etablieren. 1953 gründet er die City Carburoil SA, welche in der ganzen Schweiz ein Netz an zahlreichen Verkaufsstellen hat. Egidio fungiert als Präsident dieses Unternehmens. Et voilà – damit wäre wohl die Frage geklärt. Auf Initiative der «City» wird 1966 auch die Monte Tamaro SA unter der Führung von «Wir-wissen-schon-wem» gegründet. Es versteht sich von selbst, dass die «City» die Konzession schön brav an die Monte Tamaro SA verkauft. Der Präsident dieser beiden Familienunternehmen kennt sich ja bekanntlich ziemlich gut.
Wenn wir gerade beim Thema sind: In naher Zukunft soll bekanntlich eine Kabinenbahn gebaut werden. Nur haben solche Bahnen die dumme Angewohnheit, dass sie so steil den Berg hochziehen und ein nahezu unzugängliches Gebiet überqueren. Bei solchen Arbeiten treffen wir dann definitiv auf Steine – und zwar nicht nur auf solche in metaphorischen Worten unserer Schriftsteller. Nein, richtige, zentnerschwere Steine. Dabei braucht es Unterstützung aus der Luft. Das ist klar. Ähm, mal so in die Runde gefragt: Wie wäre es mit einem dritten Familienbetrieb? Der würde doch den Bau am Monte Tamaro um einiges erleichtern, oder? Ok. Ist erledigt. So langsam, aber sicher weiss er ja, wie‘s gemacht wird. Ergo gründet Egidio Cattaneo 1966 die EliTicino SA.
Dank diesen Synergien kommt im Oktober 1971 ein riesiges Gerät von einem «Puma» zum Einsatz. Der Blauwal unter den Helikoptern. In kürzester Zeit kann damit die technische Ausrüstung und vieles mehr auf Platz geflogen werden. Praktische Sache. Wohl war.
Im Mai 1971 nehmen die Maschinen und Helikopter ihre Arbeit auf.
Tempus fugit. Zehn Jahre sind seit den ersten Verhandlungen mit der Gemeindeverwaltung um. Tja, so schnell – oder langsam – dauert es nun mal, bis der Papierkram erledigt ist. Aber nun steht alles bereit. Auch die Skilehrer aus St. Moritz haben die Schneeverhältnisse im Gebiet als ausgezeichnet bewertet. Was wollen wir noch mehr. Ja dann, los…
Test didascalia 1
Test didascalia 1
Test didascalia
Ein Unikat im Alpenraum. Das könnte jetzt ein bisschen hochnäsig klingen, wenn wir hier von Unikat sprechen. Die Schweiz ist bekannt für ihre Seilbahnen. Das ist nichts neues. Und es gibt sie bei uns ja auch wie Sand am Meer. Keine Frage. Doch einzig die Kabinenbahn am Monte Tamaro hat heute noch das Carlevaro-Klemmsystem, mit dem sie vor 50 Jahren ausgestattet worden ist. Es gibt sonst keine Bahn im gesamten Alpenraum. Keine. Nirgends. Also können wir, ohne rot zu werden, von einem Unikat sprechen.
Prof. Ugo Carlevaro zählt zu den «Vätern des modernen Seilbahnwesens» und ist, wer hätte es gedacht, der Namensgeber dieser Klemme mit dem markanten Kuppelhebel. Carlevaro ist ein Vorreiter auf diesem Gebiet. Erst später kommen die Schweizer Klemmsysteme von Giovanola, Müller und Von Roll dazu. 1947 lässt er seine Variante der Kuppelklemme für Einseilumlaufbahnen patentieren. Finanzielle Schwierigkeiten sorgen aber dafür, dass seine Firma durch das Traditionsunternehmen Agudio aus Mailand übernommen wird. 1972 verwendet dann Agudio mit einer Lizenz von Carlevaro die Kuppelklemme bei der Kabinenbahn am Monte Tamaro.
Mit einem Eigenkapitel von 10 Millionen Franken und ohne finanzielle Unterstützung des Kantons wurde das Projekt lanciert. Das barg auch gewisse Ängste. Existentielle Ängste. Diese wurden noch geschürt, da im ersten Winter sehr wenig Schnee lag.
»Am 26. Dezember 1972 erhält die Monte Tamaro SA nach zweijähriger Arbeit die eidgenössische Betriebsbewilligung. Das Geschenk an die Tessiner Bevölkerung ist also lieferbereit. Wie es genau aussieht und was für einen Anklang es findet, sehen wir im zweiten Teil.
Egidio Cattaneo macht den Monte Tamaro der Öffentlichkeit zugänglich.